Die Reaktion der Landeskirche auf die ,zweite Reformation‘ (1614)

Die Reaktion der Landeskirche auf die ,zweite Reformation‘ (1614)

Markgraf Johann Georg von Brandenburg, der als Statthalter der Mark die „zweite Reformation“ vorantrieb (Porträt von Matthäus Merian, in: Theatrum Europaeum, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1662, S. 72, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46412451)

Das calvinistische Abendmahl von Kurfürst Johann Sigismund Weihnachten 1613 sollte das Signal für den Beginn einer ,zweiten Reformation‘ in der Mark Brandenburg sein. Der Kurfürst und seine Berater waren sich jedoch unsicher, wie die Bevölkerung zu dieser vorgeblichen Vollendung der Reformation durch den Calvinismus stand. Das Recht, den Konfessionswechsel für das ganze Land verbindlich zu machen, hatte der Kurfürst, aber er scheute vor Zwang zurück. Und das war auch gut so. Denn tatsächlich war das Echo verheerend. Nur einige wenige dem Kurfürsten eng verbundene Adlige waren bereit, zu konvertieren. Der Rest des Landes wollte sein lutherisches Bekennntis nicht preisgeben und fürchtete, dazu gezwungen zu werden.

Ein Streitschriftenkrieg brach los, lutherische und reformierte Prediger zogen übereinander her und an der kirchlichen Basis formierte sich Widerstand. In Berlin erkannte man rasch, dass nur der Verzicht auf eine zwangsweise ,zweite Reformation‘ die Lage beruhigen konnte. Tatsächlich unterließ der Kurfürst alles, was die Unruhe anheizen konnte. Allerdings beanspruchte er für sein neues Bekenntnis, dass es überall frei ausgeübt werden und dass es von den Lutheranern nicht in ungebührlicher Weise verleumdet und herabgewürdigt werden durfte. Diese Forderung wechselseitiger Tolerierung der beiden in der frühen Neuzeit miteinander konkurrierenden und einander der Irrlehre beschuldigenden protestantischen Konfessionen war anspruchsvoll. Wechselseitige Toleranz und friedliche Koexistenz erschien beiden Seiten als potentielle Verleugnung des eigenen Wahrheitsanspruchs. Wo man konnte, setzte man auf konfessionelle Einheit unter dem einen oder dem anderen Vorzeichen.

In der Mark Brandenburg hing die übergroße Mehrheit der Bevölkerung und der Führungsschichten dem lutherischen Bekenntnis an, dessen Bestand darum nie gefährdet war. Vielmehr sahen sich die brandenburgischen Reformierten – anfangs eine kleine Minderheit von einigen tausend Personen, erst später nach der hugenottischen Zuwanderung waren es etwas mehr – vom dominierenden Luthertum bedroht. Dagegen setzten die Reformierten mit Hilfe des Kurfürsten auf eine Stärkung ihrer Konfession und eine Schwächung des Luthertums. Während des ganzen 17. Jahrhunderts bestimmte dieser Versuch einer Sicherung der Reformierten die brandenburgische Kirchengeschichte. Vom märkischen Luthertum wurde diese unfreundliche und durchaus aggressive Religionspolitik der Reformierten mit Sorge wahrgenommen und führte zu verstärkter Besinnung auf die eigene konfessionelle Identität.