Evangelisches Fronleichnamsfest in Brandenburg?

Evangelisches Fronleichnamsfest in Brandenburg?

Mittelalterliche Fronleichnamsprozession (Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22012905)

Fronleichnam gilt als typisch katholisch: Das frühsommerliche Fest, das an einem Donnerstag mit einer prächtigen Prozession gefeiert wird, wird evangelischerseits mit einem Befremden wahrgenommen, das bis auf die reformatorische Kritik am Fronleichnamsfest zurückgeht. Irritierend erscheint es da, dass in einigen Gegenden noch eine Zeit lang ein evangelisches Fronleichnamsfest gefeiert wurde. So auch in der Mark Brandenburg. In der reformatorischen Kirchenordnung von 1540 wird unter den zu feiernden Festen zwischen dem Trinitatisfest und dem Johannistag auch der „tag Corporis Christi“ aufgezählt. „Corpus Christi“ ist die lateinische Übertragung des mittelhochdeutschen Worts „Fronleichnam“: „Leib Christi“ bzw. „Leib des Herrn“. Möglicherweise fanden in der Mark am „tag Corporis Christi“ auch Prozessionen statt, allerdings ohne dass dabei eine konsekrierte Hostie mitgeführt und der in ihr leiblich gegenwärtige Christus zur Anbetung ausgestellt wurde. Auch in der 1572 revidierten Kirchenordnung begegnet dieses Fest noch, hier unter dem Titel „Tag Coenae Domini“ – Festtag des Herrenmahls.

Die beiden in den reformatorischen Kirchenordnungen von 1540 und 1572 belegten Benennung des Fests zeigen, was evangelische Christen im 16. Jahrhundert an diesem Tag feierten: die leibliche Gegenwart Jesu Christi in den Abendmahlselementen. Für die lutherische Reformation war die Vorstellung von der leiblichen Gegenwart Jesu im Abendmahl von größter Bedeutung: In Brot und Wein manifestierte sich für sie die Heilsgegenwart Gottes in der Welt und wurde für die Glaubenden sinnlich erfahrbar. Weil die Leiblichkeit der göttlichen Heilszuwendung von anderen Strömungen der Reformation bestritten und stattdessen die Geistigkeit der göttlichen Heilsgegenwart betont wurde, behielten manche lutherischen Kirchen das Fronleichnamsfest bei und interpretierten es evangelisch zu einem Abendmahls- und Realpräsenzfest um. Das war vom römisch-katholischen Verständnis des Fests gar nicht so weit entfernt, auch wenn man auf evangelischer Seite manche mit dem Fronleichnamsfest verbundene Vorstellungen und Praktiken kritisch bis ablehnend betrachtete. Das Fest ist ein Indiz für die in manchen Bereichen starken Kontinuitäten zwischen Reformation und Mittelalter. Diese Festhalten an Überkommenen half der Bevölkerung, den religiösen Wandel mitzuvollziehen, ohne sich in der evangelischen Kirche fremd fühlen zu müssen.