Hofprediger und Generalsuperintendent Johannes Agricola

Hofprediger und Generalsuperintendent Johannes Agricola

Ein Spottbild auf Johannes Agricola als Mitverfasser des Interim (Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=705007)

Eine der interessantesten Gestalten der brandenburgischen Reformationsgeschichte ist Johannes Agricola (1494‒1566). 1540 kam er Hofprediger Joachims II. in die Mark und stieg 1543 zum Generalsuperintendenten auf. Agricola hatte in Leipzig und Wittenberg studiert und sich an der Leucorea früh dem Kreis um Martin Luther angeschlossen. Er wurde ein Schüler und Vertrauter Luthers, entwickelte aber auch ein eigenes theologisches Profil. Vor allem eine Entscheidung der Wittenberger Reformatoren vollzog er nicht mit: im Zuge des Aufbaus reformatorischer Kirchen die Rechtfertigungsverkündigung durch verstärkte Gesetzespredigt zu ergänzen, um so die Menschen zu Buße und Umkehr zu führen. Für Agricola ergaben sich Buße und Umkehr nicht aus der Gesetzes-, sondern aus der Evangeliumspredigt: Am gekreuzigten Christus lerne man seine eigene Sündhaftigkeit erkennen und sich nach Gottes Heil auszustrecken. Die zehn Gebote gehörten für ihn nicht auf die Kanzel, sondern aufs Rathaus. Diese theologische Position konnte sich zwar auf Luther berufen, vereinseitigte aber dessen Anschauungen und zeigte wenig Einsicht für die praktischen Herausforderungen der Umsetzung der Reformation an der kirchlichen Basis. Die Folge war, dass Agricola in heftigen Streit mit seinen Wittenberger Weggefährten geriet. Luther hängte Agricolas Lehre Ende der 1530er Jahre die abfällige und simplifizierende Bezeichnung „Antinomismus“ (Gesetzesfeindschaft) an.

Agricola, der mittlerweile Leiter des Gymnasiums von Eisleben geworden war und sich durch Veröffentlichungen einen Namen gemacht hatte, musste befürchten, wegen des theologischen Streits seine Stellung und zu verlieren. Da erreichte ihn die Berufung zum Hofprediger Joachims II. nach Berlin. Dieser schätzte Agricola als Theologen und Organisator. Dass dieser im Streit mit den Wittenbergern schied, die der Kurfürst als Berater für seine Kirchenerneuerung brauchte, störte ihn nicht. Tatsächlich erwies sich „Magister Eisleben“ (oder „Islebius“) – wie Agricola wegen seines Geburts- und Wirkungsorts auch genannt wurde – als großer Gewinn für die werdende evangelische Landeskirche. Als einer der wichtigsten religionspolitischen Berater des Kurfürsten und als Generalsuperintendent hatte er großen Einfluss auf die kirchliche Entwicklung in der Mark. Mögen manche seine Entscheidungen und Aktionen fragwürdig erscheinen und sein Bild durch den Antinomismusstreit verdunkelt sein, so darf sich der märkische Protestantismus doch dankbar eines evangelischen Bischofs erinnern, der mitgeholfen hat, dass die Wittenberger Reformation hier Wurzeln schlagen konnte.