Prignitz

Die Prignitz gehörte im späten Mittelalter zum Bistum Havelberg und das kirchliche Leben hier war wie in der übrigen Mark geprägt von der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsblüte, wie sie etwa in der Wilsnacker Wunderblutkirche oder dem Innenraum des Havelberger Doms anschaulich wird. Seit den 1520er Jahren wuchsen auch in der Prignitz untergründig Sympathien für die Reformation, ohne dass sich im Einzelnen sagen lässt, wie das reformatorische Gedankengut verbreitet wurde, wie viel Unterstützung es fand und ob es das kirchliche Leben zu beeinflussen begann. Erst in der zweiten Hälfte der 1530er Jahre und endgültig mit der Einführung der Reformation im Kurfürstentum Brandenburg 1539/40 kam eine breite Veränderungsdynamik im Sinne der Wittenberger Reformation in Gang. Getragen wurden diese Veränderungen vor allem von der Stadtbevölkerung und dem Adel, die mancherorts aus eigener Initiative schon erste Veränderungen vorgenommen hatten und nun die offizielle Einführung der Reformation nutzten, um ihre Vorstellungen im Rahmen der kurfürstlichen Vorgaben umzusetzen.

Vor allem dank der Akten der seit 1540 in der Prignitz durchgeführten Visitationen lässt sich die reformatorische Umgestaltung des Kirchenwesens gut nachvollziehen: Sie betraf Stadt und Land gleichermaßen, allerdings vollzog sie sich vielerorts nur langsam und unvollkommen. In den größeren Städten wie Perleberg etablierte sich vergleichsweise schnell ein evangelisches Kirchenwesen (Neuordnung der Kirchenfinanzen, Berufung evangelischer Geistlicher, Reform des gottesdienstlichen Lebens, Umgestaltung der Kirchenräume, Reorganisation des Schulwesen etc.); in den Städten unter bischöflicher Herrschaft wie Wittstock vollzogen sich die Veränderungen wegen der Verweigerung des Havelberger Bischofs und Domkapitels erst seit dem Ende der 1540er Jahre; und in den Dörfern dauerte es zum Teil Jahrzehnte, bis sich Strukturen und Mentalitäten den neuen Vorgaben anpassten und die evangelische Kirche Gestalt gewann. Die Klöster der Prignitz wurden vielfach aufgelöst; nur wenige – wie das Zisterzienserinnenkloster Heiligengrabe – konnten sich als adlige Damenstifte halten. Die Besetzung des Havelberger Bischofsstuhls mit einem evangelischen Hohenzollernprinzen und die schrittweise Protestantisierung des Domkapitels nahmen der Papstkirche den letzten Rückhalt. Der Havelberger Dom wurde zu einem Zentrum einer traditionsbewussten, dabei aber bewusst evangelischen Frömmigkeitspraxis, wie sie von Matthäus Ludecus (Lütke) propagiert wurde. Das zweite Frömmigkeitszentrum der Prignitz neben dem Havelberger Dom verlor durch die Reformation schlagartig an Bedeutung: Die spektakuläre Verbrennung der Wilsnacker Wunderbluthostien 1552 durch den Prediger Joachim Ellefeld markierte das Ende der bereits im Rückgang befindlichen Wallfahrt dorthin und machte deutlich, dass eine neue Zeit angebrochen war.

Andreas Stegmann

Weiterführende Literatur:

Enders, Lieselott: Die Prignitz. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert, Potsdam 2000, 272–281.580–598 u.ö.

Herold, Victor (Hg.): Die brandenburgischen Kirchenvisitations-Abschiede und -Register des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Bd. 1: Die Prignitz, Berlin 1931

Odenthal, Andreas: Die alten Gewohnheiten und Bräuche fortsetzen. Zur reformationszeitlichen Liturgiereform des Havelberger Domstiftes unter Matthäus Lüdtke (in: Andreas Odenthal: Liturgie vom Frühen Mittelalter zum Zeitalter der Konfessionalisierung. Studien zur Geschichte des Gottesdiensts, Tübingen 2011, 283–312)

Peters, Jan: Märkische Lebenswelten. Gesellschaftsgeschichte der Herrschaft Plattenburg-Wilsnack, Prignitz 1500–1800, Berlin 2007

Wunder. Wallfahrt. Widersacher. Die Wilsnackfahrt, hg. v. Hartmut Kühne u. Anne-Katrin Ziesak, Regensburg 2005

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