Berlin-Cölln

Stadtansicht des frühneuzeitlichen Berlin

Die Residenzstadt des Kurfürstentums Brandenburg gehörte nicht zu den frühen Zentren der Reformation in der Mark Brandenburg. Aus der Zeit bis 1539 gibt es nur einige wenige Indizien, die auf wachsende Sympathien der Stadtbevölkerung für die Reformation schließen lassen, aber keine eindeutigen Belege für eine reformatorische Bewegung an der Basis bieten. Erst aus dem Frühjahr 1539, als Bürgerschaft und Magistrat der Stadt Berlin um die kurfürstliche Erlaubnis einer österlichen Abendmahlsfeier mit Brot und Wein nachsuchten, ist ein solcher eindeutiger Beleg überliefert.

Die kirchliche Transformation im Sinne der Reformation vollzog sich seit der Einführung der Reformation im Kurfürstentum Brandenburg am 1. November 1539 rasch und zielgerichtet. Im Herbst 1539 war bereits Georg Buchholzer als evangelischer Propst an St. Nikolai berufen worden. Im Sommer 1540 organisierten die Visitatoren das kirchliche Leben der Stadt nach Maßgabe der kurfürstlichen Kirchenordnung neu. Die Cöllner Petrikirche wurde verselbständigt und bekam einen eigenen Pfarrer, der von einem Kaplan unterstützt wurde. In Berlin bildeten St. Nikolai und St. Marien zwei Teilgemeinden unter der Leitung des Propsts mit anfangs vier und später fünf weiteren Pfarrern (Kaplänen). Die Einführung eines Gemeinen Kastens, in den alle kirchlichen Einnahmen flossen und aus dem alle kirchlichen Ausgaben bestritten wurden, stellte die Kirchenfinanzierung und die Armenversorgung auf eine neue solide Basis. Propst Buchholzer stellte in den 1550er Jahre eigene Gottesdienstordnungen für die beiden Berliner Pfarrkirchen zusammen, die stärker als die kurfürstliche Vorgabe am Wittenberger Modell orientiert waren. Die Hospitäler (St. Getraud in Cölln, Heilig Geist und St. Georg in Berlin) bestanden weiter, genauso die Pfarrschulen, wobei allerdings die Berliner Pfarrschulen 1574 zugunsten der neu gegründeten Schule im Grauen Kloster geschlossen wurden. Die Cöllner Dominikaner waren schon 1536 nach Brandenburg an der Havel verlegt worden, die Berliner Franziskaner mußten sich 1540 der reformatorischen Kirchenordnung fügen, konnten allerdings als kleiner werdender Konvent für etwa 20 Jahre weiter existieren und in bescheidenem Ausmaß ihr Frömmigkeitsleben weiterführen. Anhänglichkeit an die Papstkirche scheint es in der Bevölkerung kaum gegeben zu haben. Die Cöllner Stiftskirche mit ihrer weiterhin existierenden Stiftsherrengemeinschaft, die primär die Hofkirche des Kurfürsten war, scheint auch der Bevölkerung offen gestanden zu haben, ohne allerdings eine tragende Funktion im gottesdienstlichen Leben der Stadt zu spielen.

Die Nachrichten über das kirchliche Lebens Berlins in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und die erhaltenen schriftlichen und baulichen Zeugnisse (etwa die nachreformatorische Kirchenausstattung von St. Marien und St. Nikolai) zeigen, dass das evangelische Christentum lutherischer Prägung allgemein akzeptiert wurde und rasch einwurzelte. Berlin-Cölln wurde eine evangelische Stadt mit einem reichen Gottesdienst- und Frömmigkeitsleben.

Andreas Stegmann

Weiterführende Literatur:

Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern. Kirche, Hof und Stadtkultur, Katalog hg. v. der Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien, Berlin 2009

Frege, Ludwig: Berlin unter dem Einflusse der Reformation im sechszehnten Jahrhundert, Berlin 1839

Müller, Johann Christoph; Küster, Georg Gottfried: Altes und neues Berlin. Das ist: Vollständige Nachricht von der Stadt Berlin, vier Teile, Berlin 1737–1769

Schuchard, Christiane: Die ältesten Rechnungsbücher der Berliner Pfarrkirchen St. Nikolai und St. Marien (Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 2013, 7–60)

Sehling, Emil (Hg.): Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, Bd. 3: Die Mark Brandenburg. ‒ Die Markgrafentümer Ober-Lausitz und Nieder-Lausitz. ‒ Schlesien., Leipzig 1909, 154‒172. 194‒197 (Abdruck der Visitationsabschiede für Berlin von 1540 und 1574 sowie für Cölln von 1540)

Stegmann, Andreas: Reformation in Berlin-Cölln (Berliner Geschichte. Zeitschrift für Geschichte und Kultur [Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins e.V. Jg. 113, 2017], Ausgabe 8, Januar 2017, 22–33)

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