Niederlausitz

Im Süden des heutigen Bundeslands Brandenburg liegt ein Großteil des alten „Markgraftums“ Niederlausitz. Im 16. Jahrhundert gehörte diese Markgrafschaft nicht zum Kurfürstentum Brandenburg, sondern war ein Nebenland des Königreichs Böhmen. Einige Teile des Markgraftums Niederlausitz kamen im 15. und 16. Jahrhundert unter die Herrschaft des Herzogs von Sachsen (die Herrschaften Sonnewalde, Senftenberg und Finsterwalde) und des Kurfürsten von Brandenburg (die Herrschaft Cottbus und Peitz im Zentrum der Niederlausitz, die Region um Sommerfeld im Nordosten, die Herrschaften Beeskow und Storkow im Norden sowie die Herrschaften Zossen und Teupitz im Nordwesten) und lösten sich trotz juristisch teilweise weiter bestehender Zugehörigkeit faktisch aus dem politischen Verbund der Markgrafschaft. Im Zuge des Dreißigjährigen Kriegs wurden die Nieder- und die Oberlausitz mit Ausnahme der kurbrandenburgischen Herrschaften Teil des Kurfürstentums Sachsen.

Die Reformation fasste in der Niederlausitz früh Fuß. Vom westlich benachbarten Wittenberg kommend verbreitete sie sich durch Predigt, Buchdruck oder Lieder. Die frühe reformatorische Bewegung wurde zum einen von der Stadtbevölkerung, zum anderen vom Landadel getragen. In den größeren Städten der Niederlausitz, etwa in den landesherrlichen Städten Guben, Luckau und Sorau, in der sächsischen Stadt Senftenberg oder in den brandenburgischen Städten Cottbus und Sommerfeld traten schon in den 1520er Jahren evangelische Prediger auf und begannen erste Veränderungen des kirchlichen Lebens. Auch einige Adlige setzten sich früh für die Reformation ein: so die Familie von Minckwitz in Sonnewalde, Kaspar von Köckritz in Seese oder die Familie von Biberstein in Forst. Der bis 1526 herrschende böhmische König Ludwig aus dem Geschlecht der Jagiellonen wie der seit 1527 herrschende böhmische König Ferdinand aus dem Geschlecht der Habsburger konnten die Ausbreitung der Reformation nicht aufhalten. Auch der sächsische Herzog Georg und der brandenburgische Kurfürst Joachim I., die beide Reformationsgegner waren, konnten in ihrem Herrschaftsbereich die Entwicklung allenfalls verzögern. In den 1540er Jahren war die Niederlausitz weitgehend evangelisch geworden, und die sächsischen und brandenburgischen Teile wurden in die dort seit 1539 entstehenden reformatorischen Landeskirchen integriert.

Im direkt dem böhmischen König unterstehenden Hauptteil der Niederlausitz war an einen obrigkeitlich unterstützten Aufbau einer evangelischen Landeskirche nicht zu denken, weil sich die Habsburger dem verweigerten. Hier sorgten Stadtmagistrate und Adlige dafür, dass von unten eine funktionsfähige reformatorische Kirche entstand. Organisation, Lehre, und Leben der evangelischen Gemeinden der Niederlausitz orientierten sich am Wittenberger Modell, das durch die dort ausgebildeten Prediger vermittelt wurde. Die Papstkirche stand zwar unter dem Schutz des böhmischen Königs, von ihr blieben aber nur Reste: Der papsttreue Klerus verließ die Gemeinden, die Klöster der Niederlausitz verschwanden bis auf den Zisterzienserkonvent in Neuzelle und die Jurisdiktionsgewalt des für die Niederlausitz zuständigen Bischofs von Meißen fand keine Anerkennung mehr. Die Habsburger arrangierten sich mit dem Erfolg der Reformation in der Niederlausitz und versuchten keine Rekatholisierung.

Eine besondere Herausforderung der Reformation in der Niederlausitz war der Umgang mit den Sorben. Während anfangs die Reformation vor allem von der deutschsprachigen Bevölkerung getragen wurde, erreichte sie mit der Zeit mehr und mehr auch die slawischsprachige Bevölkerung. Gemäß der reformatorischen Grundüberzeugung, dass Predigt, Sakramentsverwaltung und Seelsorge in der Volkssprache geschehen müssten, bemühten sich die kirchlich Verantwortlichen um die Anstellung „wendischer“ Prediger und um die Übersetzung religiöser Texte ins Sorbische. Bis ins 20. Jahrhundert war die große Mehrheit der Sorben evangelisch.

Andreas Stegmann

Weiterführende Literatur:

Blaschke, Karlheinz: Lausitzen (in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500–1650, Bd. 6: Nachträge, hg. v. Anton Schindling u. Walter Ziegler, Münster 1996, 92–113)

Fünf Jahrhunderte – Pjeć lětstotkow. Die Sorben und die Reformation – Serbja a reformacija, hg. v. Jan Malink, Bautzen 2017

Lehmann, Rudolf: Die Reformation in der Niederlausitz (Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte 25, 1930, 83–117)

Mix, Gustav: Die Reformation in Guben, Leipzig 1917

Stupperich, Robert: Johann Briesmanns reformatorische Anfänge (Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte 34, 1939, 3–21)

Diesen Beitrag drucken