Tetzel, Johannes

Der sächsische Dominikaner Johannes Tetzel (um 1465-1519) wurde Ende 1516 oder Anfang 1517 von Erzbischof Albrecht von Mainz als Subkommissar für den Vertrieb des Petersablasses in der Erzdiözese Magdeburg eingesetzt. Er hatte sich zuvor schon in mehreren anderen Ablasskampagnen als Organisator und Propagator des Ablasses bewährt. Tetzel war persönlich integer, theologisch und kirchenrechtlich gebildet und bestens vernetzt. Sein Verständnis des Ablasses und seine Ablasspredigt bewegten sich im Rahmen der zeitgenössischen Anschauungen und entsprachen den kirchlichen Vorgaben. Während der Jahre 1517 und 1518 predigte Tetzel den Ablass im Erzstift Magdeburg, in der Mark Brandenburg und in Anhalt.

Für sein Wirken in der Mark Brandenburg gibt es nur bruchstückhafte Informationen. Im September 1517 wurde Tetzel vom brandenburgischen Kurfürsten offiziell als Ablassprediger in der Mark zugelassen. Möglicherweise wurden aber schon vorher Ablassbriefe des Mainz-Magdeburger Petersablasses in der Mark ausgestellt. Wahrscheinlich verkündete Tetzel den Petersablass im Herbst 1517 in Berlin-Cölln. Im Frühsommer 1518 wurde der Ablass in Salzwedel vertrieben. Auch im Südosten des Kurfürstentums, in Crossen, sollte im Laufe des Jahrs 1518 der Ablass verkündet werden. Wahrscheinlich wurde der Ablass in der Mark in der für die zeitgenössischen Ablasskampagnen üblichen Weise vertrieben.Tetzel wurde dabei von den brandenburgischen Hohenzollern unterstützt und geschützt, weil ein Teil des Ablassertrags für die Finanzierung der Erhebung von Albrecht zum Magdeburger und Mainzer Erbischof bestimmt war.

Konfrontiert mit Luther Ablasskritik in den 95 Thesen vom 31. Oktober 1517 verteidigte Tetzel wohl im Februar oder März 1518 den Petersablaß bei einer Disputation an der Universität Frankfurt (Oder) und veröffentlichte im Mai 1518 eine gegen Luther gerichtete deutschsprachige Schrift über den Ablass. Es ist fraglich, ob Tetzel nach dem Jahreswechsel 1517/18 noch als Ablassprediger auftrat. Er scheint sich nach dem Ausbruch des Ablassstreits auf die Verteidigung gegen Luther konzentriert zu haben und seinen Mitarbeitern die Fortführung der Ablasskampagne überlassen zu haben. Die kirchliche Hierarchie, die die Sprengkraft des Ablasssstreits unterschätzt hatte, bemühte sich um Schadensbegrenzung und begann, sich 1518 von Tetzel zu distanzieren. Schon 1519 starb Tetzel in Leipzig.

Schon im 16. Jahrhundert entwickelte sich um Tetzel ein Geflecht von Legenden, die die Erinnerung ihn überlagerten und seine Person und sein Wirken verzeichneten. Aus den wenigen und zudem unsicheren Quellenzeugnisse zu seinem Aufenthalt in der Mark Brandenburg wurde allmählich eine im Ganzen wie im Einzelnen irreführende Tetzelerinnerung konstruiert, wie sie etwa Andreas Angelus Ende des 16. Jahrhunderts (Annales Marchiae Brandenburgiae, Frankfurt [Oder] 1598, VD16 E 1181, 283-289) oder Adolf Streckfuß Ende des 19. Jahrhunderts (500 Jahre Berliner Geschichte. Vom Fischerdorf zur Weltstadt, Bd. 1, Berlin 1886, 68-73) überliefern. Im 19. Jahrhundert war die Tetzellegende so populär, dass sie als eine von 36 stadtgeschichtlichen Szenen in das 1877/79 entstandene  Terrakotta-Fries für die Fassade des Neuen Rathauses in Berlin aufgenommen wurde.

Andreas Stegmann

Weiterführende Literatur:

Höhle, Michael: Universität und Reformation. Die Universität Frankfurt (Oder) von 1506 bis 1550, Köln u.a. 2002, 205-227

Moeller, Bernd: Die letzten Ablaßkampagnen. Der Widerspruch Luthers gegen den Ablaß in seinem geschichtlichen Zusammenhang (in: Bernd Moeller: Die Reformation und das Mittelalter. Kirchenhistorische Aufsätze, Göttingen 1991, 53-72)

Paulus, Nikolaus: Johann Tetzel der Ablaßprediger, Mainz 1899, 42f.

Winterhager, Wilhelm Ernst: Die Disputation gegen Luthers Ablaßthesen an der Universität Frankfurt / Oder im Winter 1518. Legendenbildung und kritischer Befund (Wichmann-Jahrbuch 36/37, 1996/97, 129-167)

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