Zweite Reformation

Als „zweite Reformation“ wird in der historischen Forschung der Übergang lutherischer Territorien zum Calvinismus bezeichnet, der sich in der zweiten Hälfte des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts vollzog. Im Hintergrund der zweiten Reformation stehen vor allem religiöse, aber auch politische Motive: Der Calvinismus galt als konsequentere Form des evangelischen Glaubens und versprach bessere Abwehr gegen die erstarkende römisch-katholische Konfessionskirche – und damit die Sicherung des evangelischen Glaubens gegen die Gefährdung durch die beginnende Gegenreformation.

An Weihnachten 1613 trat auch der brandenburgischen Kurfürst Johann Sigismund zum Calvinismus über und versuchte in der Folgezeit, das märkische Luthertum für die in seinen Augen notwendige Fortführung der Reformation zu gewinnen oder zumindest eine starke calvinistische Kirche neben der lutherischen Landeskirche zu etablieren. Doch der Widerstand der Landstände, der lokalen Obrigkeiten, der Geistlichkeit und der Bevölkerung, die fast geschlossen auf ihrem lutherischen Bekenntnis beharrten und jede Öffnung ablehnten, führte dazu, dass es zu keiner zweiten Reformation kam. Der märkische Calvinismus blieb während des 17. Jahrhunderts auf kleine hofnahe Kreise beschränkt. Erst mit der Zuwanderung der Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts gab es eine nennenswerte Zahl an Calvinisten, die mit ihrer lebendigen Konfessionskultur den märkischen Calvinismus prägten.

Das märkische Luthertum hatte auch nach 1613 das unbeschränkte Recht zur öffentlichen und privaten Religionsausübung (exercitium publicum / privatum religionis). Die sich bis in neue Literatur hinein findende Behauptung, dass Kurfürst Johann Sigismund den märkischen Lutheraner Glaubens- und Gewissensfreiheit zugestanden habe, ist insofern irreführend, als dass der frühneuzeitliche Protestantismus immer Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährte und nur die öffentliche und private Religionsausübung vom Bekenntnis des Landesherrn abweichender Bekenntnisse reglementierte. Letzteres geschah auch in Brandenburg im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, indem die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige Vorgaben für Bekenntnis, Organisation und Leben der lutherischen Kirche machten.

Andreas Stegmann

Weiterführende Literatur:

Lackner, Martin: Die Kirchenpolitik des Großen Kurfürsten, Witten 1973

Nischan, Bodo: Prince, People and Confession. The Second Reformation in Brandenburg, Philadelphia 1994

Stutz, Ulrich: Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg und das Reformationsrecht (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, 1922, 4–38)

Wolgast, Eike: Der Übertritt des Kurfürsten Johann Sigismund zum Calvinismus im Jahre 1613 und seine innenpolitischen Folgen (JBBKG 70, 2015, 69–96)

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