Visitation

Die Vorgaben für die Umgestaltung der Kirche in der Mark Brandenburg waren in den von den Landesherren erlassenen Kirchen- und Visitationsordnungen enthalten. Vor Ort umgesetzt wurden diese Vorgaben durch die Visitatoren: Im Auftrag von Kurfürst Joachim II. bzw. Markgraf Johann Küstrin besuchten regelmäßig Kommissionen aus Theologen und Juristen die Kirchengemeinden, begutachteten die Verhältnisse vor Ort und nahmen notwendige Veränderungen vor. Im Mittelpunkt stand dabei die Revision und Neuordnung der Kirchenfinanzen, denn ohne verlässliche Einnahmen war an eine nachhaltige reformatorische Umgestaltung des örtlichen Kirchenwesens nicht zu denken. Überprüft wurde auch das kirchliche Personal, vor allem die Fähigkeit des Pfarrers, den christlichen Glauben im Sinne der Reformation zu verkündigen und ein vorbildlich christliches Leben zu führen. Gab es Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinde, versuchten die Visitatoren zu vermitteln. Wurden Verstöße gegen das Kirchenrecht oder die Vorgaben zum christlichen Lebenswandel festgestellt, konnten die Visitatoren als Gerichtsinstanz Entscheidungen treffen und Strafen verhängen. Kraft ihrer Bevollmächtigung durch den Landesherrn hatten die Visitatoren den Kirchengemeinden, Stadträten, Magistraten und adligen Patronen gegenüber eine starke Position, mussten sich aber zugleich dem Führungsanspruch des Landesherrn fügen. Festgehalten wurden die Ergebnisse der Visitation in einem Visitationsabschied. In den Städten gab es zusätzlich ein Visitationsregister, das detaillierten Vermögensauflistungen enthielt. Die kirchlichen Verhältnisse der Dörfer wurden in der Regel nur in summarischen Visitationsmatrikeln erfasst, die vor allem aus Vermögensauflistungen bestanden. Die Visitationsabschiede waren verbindliche Vorgaben für Pfarrer und Kirchengemeinden. Während des 16. Jahrhunderts wurden die Visitationen mehrfach wiederholt. Sie erwiesen sich als wichtiges Instrument der Implementierung und Ausgestaltung des evangelischen Kirchenwesens in der Mark Brandenburg.

Andreas Stegmann

Literatur:

Herold, Victor: Zur ersten lutherischen Kirchenvisitation in der Mark Brandenburg 1540–45. Darstellung auf aktenmäßiger Grundlage (JBrKG 20, 1925, 5–104; JBrKG 21, 1926, 59–128; JBrKG 22, 1927, 25–137)

Schuchard, Christiane: Entstehung, Überlieferung und Inhalt der brandenburgischen Visitationsakten (in: Reformation vor Ort. Zum Quellenwert von Visitationsprotokollen, hg. v. Dagmar Blaha u. Christopher Spehr, Leipzig 2016, 250–261)

Sehling, Emil (Hg.): Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts, Bd. 3: Die Mark Brandenburg. ‒ Die Markgrafentümer Ober-Lausitz und Nieder-Lausitz. ‒ Schlesien., Leipzig 1909, 151‒384 (Abdruck ausgewählter Visitationsabschiede und weiterer Materialien zu einzelner Städten und Dörfern der Mark Brandenburg)

Diesen Beitrag drucken